Ein Erfahrungsbericht, der anderen Familien Orientierung geben soll
Mit großen Hoffnungen an die Waldorfschule Mainz
Wir entschieden uns bewusst für die Waldorfschule, weil wir überzeugt waren, dass unsere beiden Töchter dort nicht nur fachlich, sondern vor allem individuell begleitet und in ihrer Entwicklung unterstützt würden. Ausschlaggebend war dabei insbesondere unsere ältere Tochter, bei der bereits vor der Aufnahme ADS, Legasthenie und Dyskalkulie diagnostiziert worden waren. Im Aufnahmegespräch wurde uns vermittelt, dass sie an der Schule individuell gefördert und entsprechend ihrer Bedürfnisse begleitet werden könne. Gerade diese Zusicherung bestärkte uns in unserer Entscheidung für die Waldorfschule.
Rückblickend mussten wir jedoch feststellen, dass unsere Erfahrungen unseren Erwartungen und Hoffnungen in keiner Weise entsprachen. Unsere beiden Töchter besuchten die Waldorfschule Mainz: Unsere jüngere Tochter wurde hier eingeschult und besuchte die Schule in den ersten beiden Klassenstufen, unsere ältere Tochter stieg in die 2. Klasse ein und wechselte schließlich nach vier Jahren auf eine staatliche Schule – beide im Anschluss mit großen Schwierigkeiten, an den Leistungsstand der staatlichen Schulen anzuknüpfen. Aber der Reihe nach.
Unsere Erfahrungen mit unserer älteren Tochter
Große Hoffnungen auf individuelle Förderung
Unsere ältere Tochter wechselte auf die Waldorfschule, weil wir überzeugt waren, dass sie dort mit ihren besonderen Bedürfnissen besser begleitet werden würde als an einer Regelschule. Bereits vor ihrer Aufnahme waren bei ihr ADS, Legasthenie und Dyskalkulie diagnostiziert worden. Die Schule kannte diese Diagnosen von Anfang an.
Zu Beginn wurde uns immer wieder geraten, zu Hause gerade nicht zu viel mit ihr zu üben. Insbesondere im Fach Mathematik sollten wir ihr keine anderen Lösungswege vermitteln als diejenigen, die in der Schule verwendet wurden. Uns wurde mehrfach versichert, dass sich ihre Entwicklung mit der Zeit „einstellen“ werde und wir ihr vor allem „den nötigen Raum“ geben sollten. Dies erwies sich rückblickend als fatale Fehlentscheidung. Der zunächst geringere Leistungsdruck tat unserer Tochter erst einmal gut, sodass wir den schulischen Empfehlungen zunächst vertrauten.
Mit der Zeit mussten wir jedoch mehr und mehr feststellen, dass sie trotz ihres regelmäßigen Schulbesuchs kaum bis nur geringe Lernfortschritte machte. Selbst am Ende ihrer Zeit an der Waldorfschule – das war bereits zum Ende der 5. Klasse – konnte sie noch nicht sicher lesen und schreiben, ihre Matheleistungen waren mangelhaft. In vielen Unterrichtsfächern war sie zwar anwesend, wir hatten jedoch nicht den Eindruck, dass auf ihre individuellen Lernvoraussetzungen eingegangen wurde oder ihr tatsächlicher Lernstand eine größere Rolle spielte.
Verlorene Jahre ohne richtige Förderung
Anfangs erhielt unsere Tochter noch Förderunterricht, auch wenn wir diesen bereits als nicht ausreichend für sie empfanden. Als die zuständige Förderlehrerin jedoch in Elternzeit ging, entfiel diese Unterstützung vollständig. Eine aus unserer Sicht gleichwertige Förderung fand danach nicht mehr statt. Der Klassenlehrer beruhigte uns immer wieder ver,sicherte, dass jedes Kind sich nach seinem Tempo entwickle und er keine größeren Probleme sehe.
Nach zahlreichen Gesprächen mit der Schule und unter Einbeziehung des schulpsychologischen Dienstes erhielt unsere Tochter schließlich sogenanntes „angepasstes Material“. Dieses bestand jedoch im Wesentlichen aus kopierten Arbeitsblättern der dritten Klasse, obwohl sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der fünften Klasse befand. Gemeinsam mit ein oder zwei weiteren Schüler/innen sollte sie diese Aufgaben bearbeiten. Nach unserem Eindruck wurden die Arbeitsblätter weder regelmäßig besprochen noch korrigiert.
Ein strukturiertes Förderkonzept erhielten wir während der gesamten Schulzeit nicht. Dies empfanden wir als besonders widersprüchlich, da die Schule zugleich mit dem Leitbild wirbt, jedes Kind sei ein „Könner“. Auf unsere Nachfrage wurde uns erklärt, ein stärker differenzierter Unterricht sei aufgrund der Größe der Klasse überhaupt nicht möglich.
Mobbing, Überforderung und die Folgen für unsere Tochter
Neben den fehlenden schulischen Fortschritten belastete unsere Tochter zunehmend auch die soziale Situation in ihrer Klasse. Mobbing und Ausgrenzung gehörten wiederkehrend zum Schulalltag. Hinzu kam eine Handarbeitslehrerin, die wir als sehr schroff und wenig einfühlsam erlebten und die nach Schilderung der Kinder auch häufiger laut gegenüber der Klasse wurde.
Mit der Zeit verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand unserer Tochter deutlich. Schließlich entwickelte sie Depressionen, deren Folgen sie bis heute begleiten. Rückblickend beschäftigt uns besonders, dass unsere Tochter während ihrer gesamten Zeit an der Waldorfschule kaum lernen musste, sich mit schulischen Anforderungen auseinanderzusetzen oder sich schrittweise Herausforderungen zu stellen. Vieles wurde vom Lehrer mit der wiederkehrenden Bemerkung begleitet, das werde sich schon entwickeln. Auch wir vertrauten dieser Einschätzung immer wieder.
Erst während der Corona-Pandemie, als wir unsere Tochter im Homeschooling täglich begleiteten, wurde uns überhaupt erst bewusst, wie groß ihre tatsächlichen Lernrückstände inzwischen waren. Uns dämmerte, dass ihre schulischen Defizite mittlerweile ernst zu nehmend waren und dass sie in den vergangenen Jahren deutlich weniger gelernt hatte, als wir angenommen hatten.
Das Fördergutachten offenbarte erhebliche Defizite
Nachdem wir das Ausmaß der Lernrückstände erkannt hatten, bestanden wir schließlich auf der Erstellung eines sonderpädagogischen Fördergutachtens, um für unsere Tochter endlich die Unterstützung fordern zu können, die sie brauchte. Dieser Prozess machte aus unserer Sicht deutlich, wie wenig die Schule auf eine solche Situation vorbereitet war.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es für unsere Tochter keinen einzigen Förderplan gegeben. Für die Beantragung des Fördergutachtens mussten diese Förderpläne jedoch plötzlich vorgelegt werden. Somit mussten nachträglich Förderpläne erstellt werden, die nicht existierten, geschweige denn umgesetzt worden waren, damit der Antrag überhaupt eingereicht werden konnte.
Auch die Online-Beantragung des Gutachtens schien die Schule vor organisatorische Schwierigkeiten zu stellen und zog sich über einen längeren Zeitraum hin. Während dieser Zeit entstand bei uns zunehmend der Eindruck, dass die Schule in jeder Hinsicht organisatorisch wie pädagogisch überfordert war und die Strukturen überhaupt nicht vorhanden waren, um Kinder mit besonderem Förderbedarf angemessen zu beschulen.
Veränderungen bei der Aufnahme neuer Schülerinnen und Schüler
In derselben Zeit fiel uns außerdem auf, dass sich nach unserem Eindruck auch die Aufnahmepraxis der Schule veränderte. Nach Informationen einer Mitarbeiterin wurde bei Neuaufnahmen inzwischen verstärkt darauf geachtet, möglichst keine weiteren Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf aufzunehmen, da die Schule dies nicht leisten könne. Diese Information hat uns sehr nachdenklich gemacht, weil sie im deutlichen Gegensatz zu dem Bild stand, das wir ursprünglich von der Waldorfschule und ihrem pädagogischen Selbstverständnis gewonnen hatten.
An dieser Stelle möchten wir jedoch ausdrücklich erwähnen, dass wir die Unterstützung durch die damalige Heileurythmistin in dieser Zeit als sehr hilfreich und bemüht erlebt haben. Im Gegensatz zu vielen anderen Gesprächen hatten wir bei ihr den Eindruck, dass sie unsere Sorgen ernst nahm und uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten ehrlich unterstützte. Leider konnte sie am Ende aber auch nicht mehr viel für uns tun und war mit ihrem Engagement an dieser Schule eher eine Ausnahme.
Schriftliche Antwort der Schule als Offenbarung: „Kein Förderangebot für Kinder mit Diagnosen“
Als unsere Sorgen und Zweifel immer größer geworden waren, schilderten wir der Schulleitung unsere Erfahrungen schließlich in einer ausführlichen E-Mail und fragten nach den Ursachen. Wir wollten die aus unserer Sicht erfahrenen Missstände nicht nur benennen, sondern auch verstehen, weshalb unsere Töchter trotz bekannter Schwierigkeiten über Jahre hinweg keine angemessene Unterstützung erhalten hatten.
Die Antwort der Schulleitung hat uns nachhaltig schockiert. Darin steht ausdrücklich: „Es gibt an unserer Schule keinen Förderunterricht, der auf den Bedarf von Kindern mit individuellen Diagnosen zugeschnitten ist.“ Die vorhandenen Förderangebote – etwa Heileurythmie, Sprachgestaltung oder Kunst – verfolgten einen völlig anderen pädagogischen Ansatz und seien ausdrücklich nicht mit lerntherapeutischen Angeboten vergleichbar. „Ob dies in allen Fällen ausreichend ist, ein Kind mit allem was es an persönlichen Päckchen mitbringt, angemessen zu unterstützen, steht auf einem anderen Blatt.“, schrieb die Schulleitung wörtlich dazu. Therapeutische Unterstützung sei grundsätzlich von den Eltern selbst zu organisieren und zu finanzieren: „Sie schreiben, dass Sie therapeutische Unterstützung privat organisiert haben. Dies war genau der richtige Weg. All diese Angebote gibt es an der Schule nicht und sie sind immer Sache der jeweiligen Eltern.“
Besonders nachdenklich machte uns, dass genau diese fehlende individuelle Förderung aus unserer Sicht über Jahre zu den größten Problemen unserer Töchter und unserer Familie geworden war. Im Aufnahmegespräch hatten wir den Eindruck gewonnen, dass gerade Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf an der Waldorfschule gut begleitet würden. Die Diagnosen unserer älteren Tochter hatten wir vollständig offengelegt und explizit nach individueller Förderung gefragt. Die spätere schriftliche Stellungnahme vermittelt dagegen ein völlig gegensätzliches Bild.
Zugleich räumte die Schule selbst ein, dass personelle und finanzielle Möglichkeiten für eine adäquate Förderung fehlten. Es wäre schön, wenn uns das Jahre zuvor beim Aufnahmegespräch in dieser Deutlichkeit gesagt worden wäre. Die Schulführung bestätigte hier genau das Problem, das wir über Jahre erlebt hatten: Die vorhandenen Strukturen reichten überhaupt nicht aus, um Kinder mit besonderem Förderbedarf angemessen zu begleiten – und das, obwohl wir monatlich einiges an Geld für die Schule zahlten.
Unsere Erfahrungen mit unserer jüngeren Tochter
Ein schwieriger Schulstart in einer überforderten Klasse
Die Einschulung unserer jüngeren Tochter fiel in die Corona-Zeit und war für sie ohnehin nicht ganz einfach. Gleichzeitig bestand die Klasse aus mehr als 30 Kindern und war nach unserem Eindruck sehr unruhig. Der Klassenlehrer berichtete wiederholt, dass er einen Großteil seiner Zeit damit verbringe, die Klasse zu beruhigen, da Raufereien und Streitigkeiten den Unterricht erheblich erschwerten. Aus unserer Sicht schien er häufig sehr überfordert.
Uns blieb zudem ein Vorfall besonders in Erinnerung: Eine Schülerin musste kurz nach der Einschulung während des Unterrichts von ihren Eltern abgeholt werden, weil der Klassenlehrer das so wollte. Sie wollte sich lediglich nicht am Unterricht beteiligen – obwohl sie nach unserem Kenntnisstand und nach Schilderungen unseres Kindes den Unterricht überhaupt nicht gestört hatte oder irgendwie auffällig geworden wäre. Das empfanden wir bereits zu Beginn als eigenartiges und wenig einfühlsames Vorgehen des Lehrers. Außerdem kam es nach Berichten unseres Kindes häufiger vor, dass Schüler:innen in der Stunde vor die Tür geschickt wurden. Später erhielt der überfordert wirkende Klassenlehrer zeitweise Unterstützung durch eine weitere Person, die ihn im Unterricht entlastete.
Fragwürdiger Vorschlag einer Integrationskraft ohne Notwendigkeit
Unserer Tochter fiel der Schuleinstieg nicht leicht. Der Klassenlehrer sprach deshalb frühzeitig das Thema einer Integrationskraft an und hielt eine entsprechende Beantragung für erforderlich. Für uns war diese Einschätzung damals nicht nachvollziehbar, da wir keinen konkreten Anlass sahen, der eine solche Maßnahme notwendig und den Antrag erfolgsversprechend erscheinen ließ.
Besonders überrascht hat uns, dass der Klassenlehrer unseres Wissens bereits Kontakt mit dem zuständigen Amt aufgenommen hatte, obwohl wir einer Antragstellung noch gar nicht zugestimmt hatten. In den Gesprächen entstand bei uns der Eindruck, dass eine Integrationskraft aus seiner Sicht nicht nur unserer Tochter zugutekommen, sondern zugleich die Betreuung der gesamten Klasse erleichtern sollte. Diesen Eindruck verstärkte auch die Aussage, dass sich die Integrationskraft selbstverständlich nicht ausschließlich um unsere Tochter kümmern würde. Ein ähnliches Vorgehen beobachteten wir später auch bei mindestens einem/r weiteren Schüler/in der Klasse.
Mobbing als Dauerthema
Neben den Schwierigkeiten im Unterricht war Mobbing während der gesamten Zeit an der Waldorfschule ein ständiges und wiederkehrendes Thema. Immer wieder kam es zu Streitigkeiten, Gemeinheiten und Konflikten unter den Schülerinnen und Schülern. Obwohl dieses Thema regelmäßig angesprochen wurde, hatten wir nicht den Eindruck, dass nachhaltige oder wirksame Maßnahmen ergriffen wurden. Während unserer gesamten Zeit an der Schule konnten wir keine spürbare Verbesserung der Situation feststellen.
Besonders erschüttert hat uns ein Vorfall, von dem wir erfahren haben: Einem Mädchen wurde nach Schilderung mehrerer Kinder auf der Toilette von anderen Schülerinnen – nach unserem Kenntnisstand auch aus höheren Klassen – wiederholt die Hose heruntergezogen. Anschließend soll sie aufgefordert worden sein, vor ihnen zu tanzen und es hieß, die Schülerinnen hätten sogar mit Handys gefilmt oder zumindest so getan, als ob sie Aufnahmen machen.
Nach unserer Wahrnehmung wurde dieser Vorfall schulisch nie angemessen aufgearbeitet; zielgerichtete Konsequenzen gegenüber den beteiligten Schülerinnen wurden uns jedenfalls nicht bekannt und die betroffene Schülerin verließ die Klasse. Nachdem wir die Schule selbst bereits verlassen hatten, erfuhren wir später von einem Elternabend zu diesem Vorfall. Nach dem, was uns darüber berichtet wurde, entstand dort eher der Eindruck, dass das betroffene Mädchen mehr als Verursacherin denn als Opfer dargestellt worden sei. Das hat mich nachhaltig schockiert, zumal hier über das Kind und die Familie gesprochen wurde, nachdem diese schon die Schule verlassen hatte.
Klassenlehrerrolle: Nähe zu einzelnen Eltern, fragwürdiger Umgang mit Vertraulichkeit
Im Laufe der Zeit entstand nicht nur bei uns der Eindruck, dass der damalige Klassenlehrer zu einzelnen Eltern ein deutlich engeres Verhältnis pflegte als zu anderen. Während einige Eltern – insbesondere die damaligen Klassenelternsprecherinnen – geduzt wurden und sehr eng in schulische Abläufe eingebunden waren, blieb der Kontakt zu anderen Eltern wesentlich distanzierter. Eine Elternsprecherin trat nach einem Eklat wegen der behaupteten Weitergabe von Vertraulichkeiten bzw. Lästereien über andere Familien sogar zurück und begründete dies mit „Vertrauensmangel“ innerhalb der Elternschaft. Mit ihr hatte der Klassenlehrer zuvor unseres Wissens einen engen Kontakt gepflegt.
Die Elternrätinnen wirkten immer wieder nicht wie Sprecherinnen für die Eltern, sondern fast wie private Sekretärinnen des Klassenlehrers. Sie übernahmen teilweise Aufgaben, die wir in seinem Verantwortungsbereich gesehen hätten. So erfolgte der Kontakt mit dem Klassenlehrer auf seinen Wunsch zeitweise über die Elternsprecherinnen und nicht direkt. Wir erhielten außerdem E-Mails mit Formulierungen wie: „Ich soll euch von X ausrichten, dass …“ mit Informationen, die im Auftrag des Klassenlehrers weitergegeben wurden.
Besonders irritierte uns der Eindruck, dass die Elternsprecherinnen immer wieder über persönliche Informationen aus Elterngesprächen oder über einzelne Kinder verfügten, die aus unserer Sicht nicht für Dritte bestimmt waren. Umgekehrt schienen sie dem Klassenlehrer ebenfalls private Informationen über einzelne Familien weiterzugeben. Zeitweise wurde ja auch der Wunsch des Lehrers geäußert, Eltern sollten sich bei Gesprächswunsch zunächst an die Elternsprecherinnen wenden und den Klassenlehrer nicht direkt kontaktieren. Dieses Vorgehen empfanden wir als problematisch.
Datenschutz und fehlende Sensibilität im Umgang mit persönlichen Daten
Auch der Umgang mit sensiblen Daten gab uns Anlass zur Sorge. Zu Einzelgesprächen lud der Klassenlehrer zum Teil nicht selbst ein, sondern ließ die Terminvergabe über die Klassenelternsprecherinnen organisieren. Die Einteilung erfolgte einmal offen sichtbar in zwei Listen: oben waren die Kinder für reguläre Gesprächszeiten eingetragen, unten die Kinder mit verlängerter Gesprächszeit – mit dem Hinweis, dass bei Klärungsbedarf/ Problemen vom Lehrer längere Gespräche angesetzt worden seien. Die Namen der jeweiligen Kinder waren dabei für alle sichtbar in beiden Listen aufgeführt. Dadurch war auch ohne Weiteres erkennbar, bei welchen Kinder offenbar Probleme vorlagen und dringlicherer Gesprächsbedarf bestand.
Wir sprachen den Klassenlehrer auf diesen aus unserer Sicht problematischen Umgang mit personenbezogenen Daten an und wiesen auf datenschutzrechtliche Bedenken hin. Unser Eindruck war jedoch, dass diese Hinweise nicht ernst genommen, sondern abgetan wurden. Die Elternsprecherin beschwichtigte uns damit, dass es doch niemandem unangenehm sein müsse, wenn Probleme beim Kind vorlägen. Das traf aber eben nicht den Punkt unserer Kritik, denn es sollte jedem selbst überlassen bleiben, wie viel er in der Klasse an privaten oder persönlichen Daten über sich und seine Kinder preisgibt.
Fehlende Förderung und unsere Entscheidung zum Schulwechsel
Neben den bereits geschilderten Erfahrungen war für uns vor allem die aus unserer Sicht unzureichende Förderung unserer Tochter ein wesentlicher Grund, die Waldorfschule schließlich zu verlassen. Mit der Zeit entstand immer mehr der Eindruck, dass Kinder, die nicht ohne zusätzliche Unterstützung mit dem Unterricht zurechtkamen, für die Schule eher eine Belastung darstellten. Individuelle Förderpläne gab es keine. Als die Förderlehrerin in Elternzeit ging, entfiel der Förderunterricht vollständig, ohne dass eine für uns adäquate Lösung geschaffen wurde.
In Gesprächen mit der Schulführung wurde uns schließlich sogar erklärt, dass die Waldorfschule keine individuelle Förderung für Kinder mit besonderen Förderbedarfen anbiete. Diese Aussage überraschte uns sehr, da wir das Aufnahmegespräch damals völlig anders in Erinnerung hatten und gerade deshalb davon ausgegangen waren, dass unsere Tochter dort gut begleitet werden würde.
In dieser Zeit absolvierte die damals den Klassenlehrer unterstützende Person ihre Ausbildung zur Förderlehrkraft und fragte uns, ob sie unsere Tochter im Rahmen ihrer Abschlussarbeit testen dürfe. Wir stimmten dem zu, weil wir hofften, dadurch zugleich eine fundierte Einschätzung und eine bessere Förderung für unsere Tochter zu erhalten. Die dort gewonnenen Ergebnisse ließen wir später nochmals unabhängig überprüfen; sie konnten leider nicht bestätigt werden und die erhoffte Unterstützung für unsere Tochter hatten wir nicht erhalten.
Hinzu kam, dass der Klassenlehrer auf Kritik nach unserer Sicht häufig empfindlich reagierte, nicht offen für unsere Themen war und Elterngespräche immer wieder so abliefen, dass er seine Themen darlegte und uns Eltern wenig Raum gab, unsere eigenen Anmerkungen und Fragen loszuwerden. Offene Fragen oder unterschiedliche Auffassungen wurden aus unserer Sicht nur selten wirklich besprochen und es mangelte an gemeinsamen Lösungen – auch auf Elternabenden.
Rückblickend war der Schulwechsel für unsere Tochter die einzig richtige Entscheidung. An ihrer neuen Schule traten die zuvor geäußerten Forderungen nach einer Integrationskraft oder vergleichbaren Unterstützungsmaßnahmen nie wieder auf und sie erhielt viel bessere Unterstützungsangebote. Ihr Leistungsstand war allerdings so weit hinter dem der staatlichen Grundschule, dass sie die zweite Klassen wiederholen musste.
Unser Fazit: Hätten wir das bloß früher gewusst
Wir haben uns bewusst für die Waldorfschule Mainz entschieden, weil wir davon überzeugt waren, dass unsere beiden Töchter dort individuell begleitet, in ihrer Entwicklung unterstützt und als Persönlichkeiten gesehen würden.
Rückblickend verbinden wir die Waldorfschule mit ganz anderen Erfahrungen. Neben der unzureichenden individuellen Förderung erlebten wir über Jahre hinweg wiederkehrende Konflikte unter den Schülerinnen und Schülern, auf die keine sichtbaren, nachhaltigen Maßnahmen folgten. Auch der Umgang mit einzelnen Mobbingvorfällen hat uns tief verunsichert. Hinzu kamen aus unserer Sicht problematische Erfahrungen im Umgang mit vertraulichen Informationen, eine ungewöhnlich enge Einbindung einzelner Eltern in schulische Abläufe sowie Situationen, in denen wir uns als Eltern mit unseren Sorgen nicht ernst genommen fühlten.
Besonders belastend war für uns die Erfahrung, dass sich viele Schwierigkeiten über einen langen Zeitraum hinweg wiederholten, ohne dass wir den Eindruck hatten, gemeinsam tragfähige Lösungen entwickeln zu können. Wir fühlten uns durchgehend schlecht informiert und immer wieder falsch beraten. Erst nach dem Schulwechsel wurde für uns endgültig klar, wie groß die Lernrückstände unserer Töchter tatsächlich waren. Beide mussten diese Defizite an ihren neuen Schulen zunächst mühsam aufarbeiten und Klassen wiederholen.
Bis heute sind wir darüber enttäuscht, dass unsere Erwartungen an die Waldorfschule und unsere tatsächlichen Erfahrungen so weit auseinanderlagen. Gerade weil wir uns ganz bewusst für dieses pädagogische Konzept entschieden hatten, fiel uns diese Erkenntnis besonders schwer. Wir haben zunächst mit dem Gedanken gespielt zu klagen und im Mindesten das viele Geld, das wir in die Bildung unserer Kinder investiert haben, in Teilen zurückzuverlangen. Und das wäre für uns längst noch keine Wiedergutmachung gewesen. Wir haben uns schließlich dagegen entschieden, da wir nicht noch mehr finanzielle und persönliche Belastungen auf uns nehmen wollten.
Wir schildern unsere Erfahrungen nicht, um einzelne Personen anzugreifen oder schlecht zu machen. Wir hätten uns gewünscht, diesen Bericht nie schreiben zu müssen. Dass wir es heute dennoch tun, liegt allein daran, dass wir hoffen, andere Familien könnten aus unseren Erfahrungen Nutzen ziehen und sich ein umfassenderes Bild machen. Für uns kamen viele Erkenntnisse leider zu spät und die Konsequenzen tragen wir bis heute. Wir fühlen uns getäuscht von den Versprechen der Schule und dem Idealbild, mit welchem viele Waldorfschulen den Eltern vermitteln, in eine besonders engagierte, am Kind orientierte und individuell begleitete Lernumgebung zu investieren.
Unser Fall wurde zuvor in Medienberichten der Stuttgarter Zeitung (29. Juli 2025: Wie ernst nehmen Waldorfschulen Inklusion?) und in der Rheinpfalz (1. August 2025: Freie Waldorfschulen und die Inklusion: Ein Streitfall) erwähnt, in denen zur Diskussion um Gleichbehandlung, verweigerte Inklusion und Diskriminierung über mehrere von Betroffenen geschilderte Fälle an deutschen Waldorfschulen berichtet wird.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag dokumentiert die persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen einer betroffenen Familie und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Objektivität. Soweit Tatsachen geschildert werden, beruhen diese auf der Redaktion vorliegenden Unterlagen, darunter E-Mail-Korrespondenz, schulische Dokumente sowie weiteren Nachweisen und einer eidesstattlichen Versicherung der Familie. Persönliche Bewertungen und Schlussfolgerungen sind als solche kenntlich gemacht. Die schriftliche Stellungnahme der Schulleitung liegt der Redaktion vollständig vor und wurde bei der redaktionellen Prüfung berücksichtigt. Soweit auf Äußerungen der Schule Bezug genommen wird, werden diese nach Auffassung der Redaktion zutreffend und im sachlichen Zusammenhang wiedergegeben. Der Beitrag wurde vor seiner Veröffentlichung redaktionell und rechtlich geprüft.
